Die Reisen des Tennisclubs

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Angefangen hat alles 1981 mit einer Reise zu einem befreundeten Tennisclub nach Spital am Pyhrn in Österreich. Dort, in der klaren Bergluft, spielte Horst Lebrecht  das Match seines Lebens. Und der kleine Klaus Hinterleitner konnte von mir gerade noch aus einem reißenden Gebirgsbach gezogen werden. Die Kühe wunderten sich sehr, wie Klaus danach in seiner roten Unterhose über die sommerlichen  Almen des Stodertales wanderte. Aber schon auf dieser ersten Reise stand neben der Geselligkeit auch »Kunst und Kultur« im Mittelpunkt. Udo Hampel verlieh mir deshalb spätestens in der Kaiservilla in Bad Ischl den schönen Titel »Onkel Merian«.

Vielleicht war es diese erprobte Mischung, weshalb künftig jedes Mal um die fünfzig Clubmitglieder mit auf Reisen gingen. Man wollte sich auch die legendären Nachfeste im Clubheim nicht entgehen lassen. Da wurden von unseren Frauen landestypische lukullische Genüsse herbeigezaubert. Und man wartete gespannt auf die gereimten Reiseberichte von Uta Lachenmayer.

Im Goldenen Prag beschäftigten wir uns 1988 mit Wallenstein, Mozart und den Habsburgern. Wir überlebten ein schweres Gewitter auf der Moldau und schwärmten von Olga, unserer Stadtführerin. Und nie versiegte das Pilsner.

»L’Art et le Plaisir de vivre« genossen wir 1990 bei unserer Reise durch Burgund. Dazu gehörte viel romanische Baukunst, aber leider wenig französische Kochkunst. Statt im Hotel zu tafeln, ernährte sich da doch tatsächlich einer von der vorsorglich mitgebrachten Dosenwurst von Kesenheimers. Aber fulminant war die Weinprobe bei den „Chevaliers du Tastevin”.

Natürlich standen 1992 in der Toskana mit »Michelangelo und Konsorten« die ganz Großen der europäischen Kunst im Mittelpunkt. Aber auch die Irrfahrt durch die toskanischen Berge mit einer Dame namens Denise ist unvergessen. Ihretwegen konnte der Chianti in der »Fattoria di Selvole« nicht mehr so reichlich fließen, wie wir uns das eigentlich vorgestellt hatten. Das tragen wir dieser Signora immer noch nach. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ auch unser schwäbischer Liederabend auf dem Campo in Siena. »La dama gattamelata« alias Gerda Lauber fand dies einfach »impossibile«.

Mit Griechen, Römern, mittelalterlichen Troubadouren und mit van Gogh beschäftigten wir uns 1994 in der Provence. Aber wer dächte nicht auch gerne an die Mainächte auf dem alten Stadtplatz in Arles zurück? Uta Lachenmayer hat sie in ihrer »Provence-Hymne« so beschrieben: »Nachtblau glänzt der Himmel, / zeigt Sternengewimmel / mit Wirbeln und Strahlen / van Gogh tat sie malen. / Minuit ist bald um / sur le Place du Forum; / seit elf ist s’Glas trocken, / die Gruppe bleibt hocken / im „Café de la nuit” / Frau Lauber aussi!«. Übrigens: Den Stecken, mit dem van Gogh sein Gelb anrührte und den Heini Bachmann und Fred Weih bei der berühmten »Zugbrücke von Langlois« fanden, halte ich immer noch in Ehren.

Große europäische Geschichte, Nibelungen und die schöne blaue Donau waren angesagt, als wir 1996 in die Wachau und nach Wien reisten. Da werden Erinnerungen wach an die freundliche Einladung der Hofrätin Kwisda in Carl Zuckmayers »Wiesmühl« am Wallersee. Und an Abende unter freiem Himmel in unserer gemütlichen »Post« in Melk. Darüber lesen wir in Uta L’s mittelhochdeutschem Versepos: »In modischen Gewändern, mit Geschmeide und mit Flair, / trifft man sich im Innenhofe bei erfrischendem Trunke open air. / Dies Tun ward bald zum Brauche für die Dauer dort, / man saß in fröhlicher Runde und ging erst fort, / wenn ´Kellner eins oder zwei´ das Fluchtachtel reichte, / und der Mond am nächtlichen Himmel vor Neid erblasste und verbleichte«.

Auf den Spuren Petrarcas streiften wir 1998 im Veneto durch die »Colli Euganeo«. Wir wohnten in Abano im stinkvornehmen »Savoia«. Lunchpakete für einen Venedig-Ausflug fand man dort einfach »indiscutìbile«. In der Lagunenstadt wollte ich die Gruppe am Canale della Giudecca in die beste italienische Eisdiele führen, aber ein weltuntergangsmäßiger Wolkenbruch ließ dieses Vorhaben buchstäblich ins venezianische Wasser fallen. Wolfgang Maiers »parlando italiano à la Trappatoni« stimmte uns dann wieder heiter.

Mit August dem Starken und Erich Kästner legten wir uns anno 2000 in Dresden an. Und mit Rudi Schultz, dem wir nach »Der Widerspenstigen Zähmung« in der Semperoper den Prosecco austranken. Wir waren auch in der »Villa Bärenfett« bei Karl May und bekamen kein Bier im Raddampfer auf der Elbe. Aber seit wir mit der Schmalspurbahn von Radebeul nach Moritzburg gefahren sind, wissen wir, was ein »Lösnitzdackel« ist.

Auf der Flandernreise 2002 haben wir Brügge, Gent und Antwerpen gesehen. Und natürlich Brüssel, wo wir im »Atlanta« höchst angenehm gleich um die Ecke der Grand’ Place wohnten. Dort, in der guten Stube der belgischen Hauptstadt, schmeckte am Abend mancher »Straffe Hendrik«. Und noch immer klingt uns »Ay Mareike«, Jacques Brels Liebeserklärung an Flandern, im Ohr.

Nach Mecklenburg-Vorpommern führte 2004 die zehnte Reise des TCA. In Naumburg, Potsdam und Güstrow machten wir Station und erwiesen den Stifterfiguren, dem Alten Fritz und Ernst Barlach unsere Reverenz. Rostock, Ahrenshoop und Stralsund lagen am Weg nach Rügen, wo wir Inseltage bei schönstem Wetter genossen. Und manches Reise-Bonmot  macht noch die Runde. Etwa wenn Herbert Arnold bei einem gewagten Manöver unseres so vielfach  bewährten Chauffeurs Robert Leimgruber von der „neuen Wende nach der Wende” sprach, oder Peter Tackenberg angesichts der Luxushotels in Heiligendamm anmerkte: „Hier spielen die Schönen und Reichen mit ihren Kreditkarten Monopoli.”

Durch den Harz nach Berlin führte 2006 die vorläufig letzte Reise. Vom geschichtsträchtigen Parkhotel »Unter den Linden« in Halberstadt bis nach Plötzensee war es eine nachdenkliche Exkursion in die deutsche Vergangenheit. Aber wir hatten auch Beethoven am Gendarmenmarkt, die Stachelschweine im Europa-Center und einen vergnügten Abend mit Eisbein und Sauerkraut in »Radkes Gasthaus Alt-Berlin«. – Im Reichstag trafen wir Klaus Hinterleitner. Er lebt jetzt in Berlin. Seine nassen Kleider vom Sturz in den Bergbach im Stodertal vor fünfundzwanzig Jahren sind ihm inzwischen zu klein geworden.


Hermann Lachenmayer

   
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